Was treibt einen Künstler zum Malen an?
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Die Wahl des Themas, der Unterstützung und der Bildsprache
Die Geste eines Malers, der sich für die Schaffung eines Gemäldes entscheidet, entsteht aus einer komplexen Mischung von Emotionen, Reflexionen, Erfahrungen und expressiver Auseinandersetzung. Jedes Werk ist eine Materialisierung von Gedanken, Erinnerungen oder Empfindungen, die der Künstler mitteilen, verewigen oder erforschen möchte. Doch welche Faktoren bewegen einen Maler dazu, sich für ein bestimmtes Motiv, ein bestimmtes Medium oder eine bestimmte Bildsprache zu entscheiden?
Der emotionale und psychologische Druck
Der kreative Prozess entspringt oft einem emotionalen oder psychologischen Impuls. Ein Maler kann von Gefühlen wie Freude, Schmerz oder Nostalgie bewegt sein und den Wunsch verspüren, diese künstlerisch auszudrücken. Diese Art von Impuls macht die Kunst zu einem Weg der Selbstbeobachtung und Katharsis: Der Maler nutzt die Malerei als Mittel, um seine eigenen Emotionen zu erforschen und gleichzeitig anderen eine universelle Erfahrung zu bieten.
Auch die Wahl der Bildsprache des Künstlers – also der Stil und die Technik, mit denen er kommuniziert – spielt in diesem Prozess eine Rolle. So verwendet beispielsweise ein Maler, der Angst oder Qual empfindet, möglicherweise hektische Pinselstriche, intensive Farben und verzerrte Formen, während ein Maler, der Frieden vermitteln möchte, eher sanfte Töne und harmonische Linien verwendet. Nehmen wir zum Beispiel Van Gogh, der seine intensive und gequälte Vision der Realität durch die Bildsprache wirbelnder Pinselstriche und leuchtender Farben zum Ausdruck brachte und so seine eigenen Gefühlszustände sichtbar machte.
Die Suche nach Schönheit und Ästhetik
Ein weiterer Grund, der einen Maler dazu bewegt, ein bestimmtes Motiv oder einen bestimmten Stil zu wählen, ist das Streben nach Schönheit und Ästhetik. Für manche Künstler ist die Anziehungskraft von Formen, Farben und visuellen Harmonien die primäre Antriebskraft: Sie möchten diese Elemente aus purem ästhetischen Vergnügen erforschen. Dieser Impuls spiegelt sich auch in der gewählten Bildsprache wider, die je nach der Art des visuellen Erlebnisses, das der Künstler vermitteln möchte, von realistisch bis abstrakt reichen kann.
Claude Monet beispielsweise war fasziniert vom Licht und den Farben des Wassers und der Landschaft. In der Sprache des Impressionismus malte er den Garten von Giverny, um das wechselnde natürliche Licht einzufangen und die Vergänglichkeit und Schönheit des Augenblicks zu betonen. Die Bildsprache spiegelt hier die Suche nach einer reinen Ästhetik wider, in der Form und Farbe die absoluten Protagonisten sind.
Die Wahl des Mediums: Materie als Teil der Sprache
Die Wahl des Mediums ist nie zufällig; sie ist Teil der künstlerischen Sprache und beeinflusst die visuelle und sensorische Erfahrung des Werks. Leinwand, Holz, Papier oder alternative Materialien wie Kunststoff oder Metall verändern nicht nur das endgültige Erscheinungsbild des Gemäldes, sondern tragen auch zur Bedeutung bei, die der Künstler vermitteln möchte.
Alberto Burri beispielsweise verwendete Jutesäcke und verbranntes Plastik als Teil seiner künstlerischen Sprache: vergängliche Materialien, die die Zerbrechlichkeit, Erniedrigung und Gewalt des menschlichen Daseins symbolisieren. In diesem Fall wird das Medium zu einem wesentlichen Element der Bildsprache und trägt dazu bei, das Werk intensiver und bedeutungsvoller zu machen.
Technik und Werkzeuge als Teil der Sprache
Auch die verwendete Technik und die verwendeten Werkzeuge prägen die Bildsprache. Jedes Werkzeug – sei es Pinsel, Spachtel oder die Finger des Künstlers – hinterlässt einen einzigartigen Eindruck und macht das Werk zu einem wahrhaft taktilen und visuellen Erlebnis. Künstler wählen Werkzeuge und Techniken je nach den Empfindungen, die sie hervorrufen möchten: Ein Aquarell kann Zartheit und Leichtigkeit ausdrücken, während Ölfarbe Tiefe und Intensität erzeugen kann, und der direkte und unmittelbare Einsatz der Finger kann ein Gefühl von Dringlichkeit und Intimität vermitteln.
Ein Künstler, der mit Spachteln malt, wie Gerhard Richter in einigen seiner abstrakten Werke, vermittelt eine Körperlichkeit, die ein feiner Pinselstrich nicht hätte vermitteln können. Die Technik wird so Teil der Sprache und beeinflusst direkt die emotionale Wirkung des Werks.
Die Entwicklung der Bildsprache
Viele Künstler durchlaufen im Laufe ihrer Karriere verschiedene Phasen, in denen sie experimentieren und ihre Bildsprache verfeinern. Diese Entwicklung wird oft von Lebenserfahrungen und Veränderungen im historischen Kontext beeinflusst. Picasso beispielsweise bewegte sich von seiner Blauen Periode zum Kubismus und nachfolgenden Stilen – in einer kontinuierlichen Suche nach Ausdruck, die auch seine Stimmungen und seine Weltanschauung widerspiegelte.
Die Entwicklung der Bildsprache ist nicht nur eine stilistische Weiterentwicklung, sondern eine persönliche Reise, auf der der Künstler seine Sichtweise und Interpretation der Welt verändert. Jede Phase stellt eine neue Nuance seiner künstlerischen Stimme dar, die sich ständig weiterentwickelt, um innere und äußere Fragen zu beantworten.
Die Beziehung zum historischen und sozialen Kontext
Oft spiegelt die Wahl des Themas, des Mediums und der Bildsprache den Wunsch wider, sich mit dem historischen und gesellschaftlichen Kontext auseinanderzusetzen. In Zeiten der Krise oder des Wandels nutzten viele Künstler ihre Bildsprache, um politische oder soziale Ideen auszudrücken. Die Verwendung dunkler Töne, unterbrochener Linien oder dramatischer Kompositionen kann ein Gefühl der Unterdrückung oder Denunziation vermitteln.
Ein Paradebeispiel ist Picassos „Guernica“, das in kubistischer Bildsprache den Schrecken und das Leid des Krieges darstellt und dabei eckige Formen und monochrome Farben verwendet, um die Dramatik zu verstärken. In diesem Fall ist Picassos gewählte Bildsprache ein wesentlicher Bestandteil der emotionalen Kraft und Botschaft des Werks.
Der Dialog zwischen Künstler und Zuschauer
Die Sprache der Malerei wird zudem zu einem visuellen Code, der es dem Künstler ermöglicht, in Dialog mit dem Betrachter zu treten. Jedes Werk lädt den Betrachter ein, die Sprache des Künstlers zu interpretieren, die Symbole zu entziffern und in die zum Ausdruck gebrachten Emotionen einzutauchen. Die Sprache der Malerei ist somit ein Kommunikationsmittel, das je nach Sensibilität und Erfahrung des Betrachters unterschiedliche Bedeutungen annehmen kann und eine tiefe Verbindung zwischen Künstler und Publikum schafft.
Durch Formen, Farben und Techniken vermittelt der Künstler nicht nur Bilder, sondern auch Emotionen und Reflexionen und lässt dem Betrachter die Freiheit, dem Werk seine eigene persönliche Bedeutung zu verleihen. Auf diese Weise wird das Gemälde zu einem gemeinsamen Erlebnis, bei dem jede individuelle Interpretation das Werk selbst bereichert.
Was treibt einen Künstler dazu an, ein Bild zu malen?
Die Antwort ist komplex und vielschichtig. Emotionen, ästhetische Auseinandersetzung, Gesellschaftskritik, persönliche Entwicklung oder reine Erkundung: Jedes Gemälde ist ein Fenster zur Seele des Malers und seiner Wahrnehmung der Welt. Die Wahl von Motiv, Medium, Technik und Bildsprache stellt ein Gleichgewicht zwischen persönlicher Inspiration und dem Wunsch dar, den Betrachter einzubeziehen. Das Gemälde wird so zu einem Mittel, dem Unsichtbaren eine sichtbare Form zu geben und individuelle Erfahrungen in eine universelle menschliche Verbindung zu verwandeln.